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Psychotests für Arbeitslose


Gestern schreckte mich eine Meldung des Spiegels auf.
Die Bundesagentur für Arbeit plant Psychotests für Arbeitslose.

Laut Spiegelbericht sollen Arbeitslose lernen sich besser zu vermarkten. Es soll sich dabei um einen freiwilligen Test handeln, der Fragebögen, Psychologengespräche und Besuche von Assessment-Center beinhalten soll.
Ziel sei es, die eigenen Stärken zu erkennen und sich besser einzuschätzen.

Soweit so gut.

Natürlich wird hier wieder von falschen Voraussetzungen ausgegangen.
Wir haben im Moment offiziell knapp 3 Millionen Arbeitslose in Deutschland – Langzeit und Kurzzeit, hochausgebildete und welche mit Bildungsdefiziten.
Dem gegenüber stehen 50.000 bis 70.000 offene Stellen.

Das macht: 0,02 Stellen pro Arbeitslosen oder 50 Bewerber auf 1 offene Stelle.

Verzeiht mir meinen Zynismus: klar liegt das dann nur daran, das der Bewerber sich nicht vermarkten kann, das er seine Stärken nicht kennt, seine Schwächen nicht einschätzen kann, das er keinen Job findet, bei dem Traumverhältnis von 50 Bewerber auf 1 offene Stelle.

Ich halte das neue Instrument für sehr gefährlich.
Im Moment wird noch die Freiwilligkeit betont.
Schnell wird es benutzt werden werden, um Druck, erneuten Druck, weiteren Druck auf den Arbeitssuchenden auszuüben.

Gerne werden für Arbeitslose, die Hartz IV bekommen, sogenannte Eingliederungsvereinbarungen geschlossen, in die alles aufgenommen wird, das helfen soll, das der Arbeitslose einen Job findet.
Beliebt ist es, die Anzahl der Bewerbungen, die ein Arbeitssuchender zu schreiben hat, in diese Eingliederungsvereinbarung aufzunehmen.

Für ältere Arbeitslose werden auch gerne sogenannte „geeignete Heilbehandlungen“ aufgenommen.
Das kann dann dazu führen, das man von Amtswegen in einen Gymnastikkurs muss. Damit er fit wird, oder fit bleibt.

Das hört sich lächerlich an. Da diese unterschriebene Eingliederungsvereinbarung einen Vertrag darstellt, muss sie natürlich erfüllt werden. Da führt dann kein Weg dran vorbei.

Und wie bei jedem Vertrag gibt es Vertragsstrafen – gut sie sind in diesem Falle ziemlich einseitig, da sie nur eine Vertragspartei betreffen. Aber sie sind vorhanden.
In diesem Falle nenne sich die Vertragsstrafen: Sanktionen!

Gerade in der Welt der Hartz IV-Empfänger sehr gefürchtet.

Der „normale“ Arbeitslose genießt ja einen gewissen Schutz. Er bekommt das sogenannte Arbeitslosengeld I. Das ist eine Versicherungsleistung. Also Geld, was besagter Arbeitsloser auch selber eingezahlt hat.

Diesen Schutz gibt es für den Hartz IV-Empfänger nicht.

Er ist quasi vogelfrei. Würde zwar niemand direkt so sagen, außer vielleicht die Betroffenen.

Zumal die Politiker auch gerne behaupten, das nach dem Grundgesetz die Würde des Menschen unantastbar wäre. Und das würde ja auch für Menschen gelten, die eben von Hartz IV leben würden. Die wären auch Menschen. Und die würden auch unter dem Schutz des Grundgeseztes leben.

Naja, in der Realität sieht es schon anders aus.

Man macht es ja nicht so offensichtlich.
Sonst würde ja irgendwer was merken, und eventuell sogar mal ein Gericht anrufen, das da was nicht in Ordnung ist.

Ok, die Vertragsstrafen nennen sich also Sanktionen.
Sanktionen können quasi einfach so vom Sachbearbeiter ausgesprochen werden.

Natürlich nur, wenn der Vertrag auch gebrochen wurde!

Aber gebrochen wurde er ja auch schon, wenn die geforderte Anzahl der Bewerbungen nicht geschrieben wurde. Ist doch wurscht, das wir ein Verhältnis von 50 Bewerber auf 1 offene Stelle haben.

Es ist übrigens auch nicht gesetzlich festgelegt, wie viele Bewerbungen man denn nun so zu schreiben hat.
Der Arbeitslose kriegt zwar 260 Euro im Jahr, beziehungsweise er kann die kriegen. Muss erst beantragt werden. Manche Sachbearbeiter erzählen es ihren „Kunden“, wie sie die Arbeitslosen nennen, gar nicht, das sie für die Bewerbungen Geld kriegen können.

Ist ja auch besser, kostet den Steuerzahler ja nur wieder Geld.
Der Arbeitslose soll nicht noch Extrageld kassieren, der soll sehen, das er eine von den rund 60.000 offenen Stellen kriegt. Kann doch wohl nicht so schwer sein oder?

260 Euro im Jahr!
Eine Bewerbung kostet im Schnitt 5 Euro – anständiges Foto, Druckerpatronen, schicke Mappe, die ganzen Ausdrucke, Porto – Rückporto nicht eingerechnet, aber ohne bekommt man die Unterlagen nicht wieder. Wird sogar in die Anzeigen für die 60.000 offenen Stellen geschrieben!

260 Euro im Jahr und 5 Euro pro Bewerbung macht also 52 geförderte Bewerbungen im Jahr.

Interessant ist genau das Verhältnis: wie viele Bewerber auf eine offene Stelle kommen.
Sollte doch zu schaffen sein eine Stelle zu bekommen oder?

Aber die Bundesagenturmitarbeiter arbeiten mit einem Trick.
Die wissen: „Viel hilft viel!“

Also werden in diese Eingliederungsvereinbarungen nicht reingeschrieben:
„Lieber Kunde,
bitte bewerben Sie sich 52 mal im Jahr, weil wir das genau fördern und wir ja auch wissen, das die Bundesregierung im Regelsatz keine Bewerbungskosten berücksichtigt hat und uns auch klar ist, das man von den krüppeligen 364 Euro nicht noch viele Euros für schicke Bewerbungen übrig hat.“

Nein das schreiben sie nicht.
Sie schreiben:

  • bitte 10 Bewerbungen
  • bitte 15 Bewerbungen
  • bitte 20 Bewerbungen.

Aber pro Monat bitte, nicht im Jahr.

Und der Kunde, der gerne endlich ne Stelle hätte, unterschreibt es.

Meistens weiß er schon, das er dass gar nicht schaffen kann, 10 oder 15 Stellen zu finden, auf die er sich bewerben kann.
Aber er muss, hat er ja schließlich unterschrieben.

Denn wenn er es nicht macht, nicht schafft, ja dann drohen doch die Sanktionen.

Wie jede Vertragsstrafe ist das heftig.
Im Falle unseres Hartz IV-Empfängers bedeutet das echte Einbußen.
Es kann zwischen 30% und 100% Abzug geben.

30% von 364 Euro sind knapp 110 Euro.
Nicht viel wenn man ein durchschnittliches Einkommen hat, aber sehr entscheidend wenn man eh am Rande der Gesellschaft lebt.

So nun also Psychotests.
Freiwillig und es soll vermieden werden, das die Arbeitssuchenden immer weiter enttäuscht werden, wenn sie einen Job suchen und keinen kriegen – bei dem Traumverhältnis 50:1.

Mir kommt der Verdacht, das die große Mutter Bundesagentur denkt, ihre Kunden sind kleine Kinder, die nicht wissen was sie wollen und können.

Wir reden von gestandenen Menschen, die oft nicht nur eine Berufsausbildung haben, sondern zwei oder auch gar drei. Die weitreichende Berufserfahrung haben.
Und die sollen nicht wissen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen?

Ehrlich?
Mir kommt es vor, als solle ein neues Instrumentarium geschaffen werden, um die Massen der Arbeitslosen weiter zu versklaven.

Bis du nicht willig, dann mußt du zum Psychotest.
Und wenn du nicht erfolgreich bist, dann erst recht.

Die Würde des Menschen ist unantastbar!
Bis man arbeitslos wird.

Ein Schelm, der böses dabei denkt.

lovehelz

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10 thoughts on “Psychotests für Arbeitslose

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  5. Knity on said:

    Viel ist dem nicht hinzu zu fügen. Die Sanktionen betreffen jedoch nicht nur die Hilfe zum Lebensunterhalt, sondern auch die Kosten für Unterkunft ( Miete und Nebenkosten). Da der Sanktionszeitraum mindestens drei Monate umfast, kann ein Betroffener in dieser Zeit durchaus wohnungslos werden.
    Nun mag mancheiner einwenden:” 10 Bewerbungen pro Monat, dass ist doch kein Hexenwerk.”
    Wer Monat sich Monat um eine Arbeit bemüht, oftmals nichtmal einer Absage für würdig befunden wir, hat eine hohe Warscheinlichkeit, das sein Selbstwertgefühl irgendwann gegen Null oder darunter geht. Wer zusätzlich noch über die drohenden Sanktionen permanent in seiner Existens bedroht wird, hat moderate Aussichten psychisch schwer zu erkranken. Wer in einer pasabell bis gut bezahlten Anstellung ist, kann und mag sich warscheinlich garnicht vorstellen wie es sich unterhalb des Existensminimums lebt. Sich vor zu stellen, dass auch dieses nicht sicher ist…
    Komforztabelerweise ist die Schulfrage ja bereits geklärt. Der Arbeitssuchende selber, trägt die volle Verantwortung für sein/ihr Versagen.
    Politiker übernehmen schon lange keine Verantwortung mehr.
    Die Medien interessiert es kaum.

    Unlängst Rügte die UNO zum zweiten mal die Sozialpolitik der BRD. Wo war da die Schlagzeile?
    Harzler, wie AlgII Bezieher im Volksmund genant werden (dieses Wort muß ich mir durch jede Hirwindung einzeln drücken und dabei gegen heftigen Brechreitz ankämpfen), also Harzler sind nur medienwirksam, wenn sie das Klische vom Sozialschmarotzer erfüllen.

    mit immer noch leichter Übelkeit Knity

    • vielen dank knity für die weiterreichenden erklärungen.
      3 monate mit sanktionen können verdammt hart sein und 10 stellenausschreibungen müssen auch erstmal gefunden sein,
      auch wenn es im gesetz heißt, das jede angebotene arbeit angenommen werden muß, ist es schon ein aufwand eine bewerbungsgeeignete stelle zu finden.
      in deutschland wird ehr genau geschaut, ob die qualifikationen passen oder nicht.
      und wenn die qualifikationen so gar nicht passen, dann kriegt man zwar die liste voll, aber auch weitere absagen.

      danke auch für den hinweis auf den UN-bericht.
      leider haben es die wenigsten zeitungen für nötig gefunden, darüber zu berichten, und wenn überhaupt, dann versteckt im hinteren teil der zeitung.
      bringt leider keine auflage bzw. keine quote.

  6. nicht nur die vereinbarkeit von familie und beruf ist ein problem – oder kein problem, weil es das ja nicht gibt.
    jeder arbeitslose muß jede zumutbare stelle annehmen.

    so kann es theoretisch passieren, das ein hochschulprofessor als straßenfeger arbeitet, wobei dann natürlich der arbeitslose straßenfeger keinen job mehr findet. egal ob er nun seine stärken und schwächen kennt.

    flexibel soll der arbeitssuchende sein – mütter mit kindern sollen auch bis 23 uhr arbeiten können und dann nch 1 1/2 std heimweg.
    alles zumutbar!

    es ist ein fass ohne boden, könnte mich endlos aufregen.

    ja wann werden die eigentlichen probleme angepackt?
    gute frage!

    und dabei haben wir – angeblich – fachkräftemangel!

  7. Stardust on said:

    ich sage, die ganze bande, bundestag, regierung, bundesarbeitsagentur und hauptsächlich die von der layden, sollten mal zum psychotest.

  8. Ros on said:

    Und dabei ist das alle größte Problem immer noch, die zumindest meine arbeitslose Freundinnen erleben- die VEREINBARKEIT VON FAMILIE UND BERUF! Und dies gibt die Frau von der Leyen auch zu. Es ist einfach immer noch viel zu schwierig in Deutschland, Kinderbetreuung und Beruf unter einen Hut zu bringen. Nicht genug Kita- bzw. Ganzzeitschulplätze und nicht genug Arbeitgeber, die bereit sind, flexibel zu sein.
    Wie soll Psychotests bitte dabei helfen????
    Und dann jammern sie auch (vor allem Politiker!), dass es nicht genug Kinder in Deutschland gibt.

    Warum packen sie nicht die eigentliche Probleme richtig an, frage ich mich.

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